CHRONIK DES Theater im Turm

Tradition ist nicht das Halten der Asche,
sondern das Weitergeben der Flamme.

Thomas Morus

Kurz vor seinem Tod schrieb das langjährige Mitglied des theater im turm Heinz Zochler im Jahre 2007 anlässlich des 50jährigen Bestehens des Vereins folgendes Zitat Goethes unter den von ihm verfassten Rückblick in der Festschrift:

 

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen.
Wenn’s euch nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt. […]
Bewunderung von Kindern und von Affen,
Wenn euch danach der Gaumen steht!
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
wenn es euch nicht vom Herzen geht.
Johann W. v. Goethe – Faust I

 

Kultur ist eine Herzensache. Verbunden mit Arbeit, Mühen und Strapazen, die – und das ist es, weshalb es sich lohnt – Stolz, Freude und Zufriedenheit nach sich ziehen. Kultur und Theater ist eine Idee, die uns und andere beflügelt, einlädt zum Mit-Lachen und Mit-Weinen, zum Mit-Hoffen und Mit-Verzweifeln.

Es war eine Herzensangelegenheit, als Rudolf Böhm im neu gegründeten Neugablonz im März 1957 mit einigen Gleichgesinnten die Katholische Spielgruppe Neugablonz ins Leben rief, eine Reaktion auf einen vorhergegangen bunten Abend im Musiksaal der Adalbert-Stifter-Schule Neugablonz.
Mit ausschlaggebend für die Gründung dieser Theatergruppe war die Tatsache, dass der damalige Stadtpfarrer von Herz-Jesu, Heinrich Dörner, die Benutzung des neuerbauten Pfarrsaales gestattete. Um das Theaterspiel im Pfarrsaal aber auch realisieren zu können, baute die Spielgruppe in Eigenleistung dort eine Bühne auf, was – man war ja in der Nachkriegszeit mit dem Aufbau beschäftigt – eine zusätzliche Belastung darstellte und nur durch den von Böhm und seinen Mitstreitern an den Tag gelegten Idealismus bewältigt werden konnte.
Schließlich fand im Oktober 1957 die erste Aufführung der Katholischen Spielgruppe Neugablonz statt: Man gab die Geschichte vom heiligen Alexius, dem Schutzpatron der Pilger, Bettler, Vagabunden und Kranken. Danach entwickelte die Gruppe um Rudolf Böhm eine ungeheure Aktivität und stürzte sich mit viel Engagement und Liebe in das schöne Hobby des Theaterspiels.
Rudolf Böhm, der somit Begründer eines neuen Theaterlebens in Neugablonz war, hatte damit aber auch eine Tradition fortgesetzt. Denn er, der ab 1929 Mitglied des Waldtheaters am Proschwitzer Kamm war, weckte die Theaterbegeisterung seiner Landsleute wieder und schuf somit die Möglichkeit einer kulturellen Begegnung in der lebendigen Welt des Theaters. Leider wurde er allzu früh von seiner Wirkungsstätte, der er seine ganze Schaffenskraft gewidmet hatte, abberufen. Am 30. August 1963 verstarb Rudolf Böhm und hinterließ als Leiter der Spielgruppe, als vielseitiger Darsteller, als Motor des Ganzen, aber vor allem als Mensch eine große Lücke. Mit der Liebe zum Theater, die Rudolf Böhm in die Gruppe hineingetragen hatte, lebte auch das Theaterspiel in Neugablonz weiter.
Heinz Böhm, der Sohn des Begründers, übernahm von nun an die Leitung der Gruppe und führte sie seitdem mit unermüdlichen, selbstlosen Einsatz weiter. Auch heute ist Heinz Böhm noch 1. Vorstand des Vereins, unterstützt von Beate Ziegler und O.-Michael Siegmund, mit denen er das Erbe seines Vaters weiterleben lässt.

Zum 10jährigen Jubiläum im Jahre 1967 nahm sich die Gruppe ein großes Projekt vor. Die Aufführung von Hugo von Hoffmannstals Jedermann sollte imposant in die nächste Dekade des Vereins überleiten und gleichzeitig ein Dank an die Pfarrei Herz-Jesu sein. Im August des folgenden Jahres wurde als Versuch die Studiogruppe Forum gegründet. Sinn und Zweck dieser Abteilung war es, Theaterstücke von Laien-Autoren zur Aufführung zu bringen. Im Jahr 1976 schließlich änderte die Katholische Spielgruppe ihren Namen und nennt sich seitdem theater im turm.

1977 feierte das theater im turm sein 20jähriges Bestehen mit der Aufführung von Carlo Goldonis Diener zweier Herren im Gablonzer Haus mit anschließendem Empfang im Pfarrsaal Herz-Jesu, bei welchem der bereits oben genannte Heinz Zochler die Festrede hielt.

Eine noch größere Feier wurde das 25jährige Bestehen des Vereins im Jahre 1982. Neben Johann Nestroys Talismann wurde mit einem Festabend Im Rampenlicht das Vierteljahrhundert, das der Verein nun bestand, begangen. Fr. Dr. Getrud Zasche, die dem Verein bereits in der Vergangenheit Stücke in Gablonzer Mundart geschrieben hatte, hielt zu diesem Anlass die Festrede. Im Jahre 1986 schloss sich dem theater im turm die Gruppe Stromlos an, eine Schar junger Leute, die ihre Probleme und die ihrer Zeit auf die Bühne brachten. Aus dieser Zusammenarbeit entstand als erste gemeinsame Aufführung im Jahre 1991 Aristophanes Antikriegsstück Lysistrata.

Das Jahr 1996 stand unter dem Motto 50 Jahre Neugablonz. Wider alle Erwartungen gab das theater im turm jedoch kein Mundartstück, sondern inszenierte die Operette Im weißen Rößl. Damit wendete sich der Verein nicht etwa gegen die in die Jahre gekommene Mode, Mundartstück auf die Bühne zu bringen, sondern erinnerte an noch ältere Wurzeln ihres Vereins: Nach Kriegsende engagierte das Inntaler Volkstheater (Kraiburg am Inn) Schauspieler des Waldtheaters am Proschwitzer Kamm, unter ihnen Rudolf Böhm, für eine Tournee, die die Schauspieler auch ins Allgäu führte, nämlich in die Wirtschaftsbaracke des Vertriebenenlagers Riederloh (heute zwischen Eichenmäher- und Hartmähderweg). Man gab dort Im Weißen Rößl, eine Lustspielversion mit Gesangseinlagen.

Mit der Begehung des 40sten Jubiläums brachte das theater im turm unter der Regie von Heinz Zochler das Stück Das Haus in Montevideo von Curt Götz auf die Bühne. In der Festschrift findet sich das nunmehr seit vierzig Jahren vertretene Dogma des Vereins:

Über all die Jahre einen Platz zu haben, der die Voraussetzungen bietet, […] das Theaterspiel in idealer Weise ausüben zu können, ist natürlich eine hervorragende Voraussetzung für das Bestehen einer Theatergruppe. Aber dies allein genügt noch nicht. Wenn nicht eine tiefsitzende Begeisterung für das gemeinsame Spiel auf der Bühne vorhanden wäre und die Theaterleute nicht immer wieder dem Reiz erliegen würden – ja wollten – miteinander ein Stück zu erarbeiten, könnten selbst die besten Rahmenbedingungen keinen Fortbestand gewährleisten.

 

Im Jahr 2002 nach inzwischen 45 Jahren Theaterarbeit wurde mit Ray Coonies Komödie Außer Kontrolle die 100ste Produktion des theater im turm auf die Bühne gebracht.

Schließlich beging man im Jahr 2007 das 50jährige Jubiläum des Vereins. Als Jubiläumsstück wurde Ken Ludwigs Othello darf nicht platzen inszeniert. Für die Feier ließ Karl Köberle in einer selbstgeschriebenen Hommage an die 50 Jahre theater im turm alle 106 Stücke, die das Theater bis dahin auf die Bühne gebracht hatte, wieder aufleben. Im April des Jahres 2011 wurde Heinz Böhm die Goldene Ehrennadel des Verbands Bayerischer Amateurtheater verliehen, die höchste Auszeichnung, die der VBAT für Verdienste um das bayerische Volks- und Amateurtheater ausspricht.

Und auch heute nach mehr als einem halben Jahrhundert Theaterarbeit wird das theater im turm nicht müde, Erwachsene und Kinder mit seinen Stücken zu begeistern und einen wertvollen Beitrag zum kulturellen Leben der Stadt Kaufbeuren und dem Stadtteil Neugablonz beizutragen: Ein Ergebnis stetiger Tradition, die dem Verein das Feuer seiner Anfänge bewahrt hat.